Verliert das Amt der*s Bürgermeister*in an Attraktivität?

Kehl. Trotz der vielseitigen Gestaltungsmöglichkeiten und attraktiven Aspekte als Bürgermeister*in, scheint die Zahl der qualifizierten Bewerber*innen für das Bürgermeister*innenamt abzunehmen. Doch was hält qualifizierte Menschen vor einer möglichen Kandidatur ab und was hindert amtierende Bürgermeister*innen, sich für eine weitere Amtsperiode aufstellen zu lassen? Ist eine augenscheinlich zunehmende Gewalt gegenüber Bürgermeister*innen möglicherweise der Grund dafür, dass immer weniger Menschen dieses Amt begleiten wollen? Mit dieser Frage beschäftigten sich Studierende der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl im Rahmen eines Fachprojektes. Fast die Hälfte der befragten Bürgermeister*innen erlebte schon persönliche verbale Anfeindungen. Allerdings ist das nicht der einzige Grund, weshalb 72 % der befragten Bürgermeister*innen der Meinung sind, dass das Amt der*s Bürgermeister*in an Attraktivität verloren hat.

Der Bürgermeister ist Vorsitzender des Gemeinderats, Leiter der Gemeindeverwaltung und gesetzlicher Vertreter der Gemeinde. So werden die Aufgaben einer*s Bürgermeisterin*s in der Gemeindeordnung von Baden-Württemberg beschrieben. Angesichts der wichtigen und herausgehobenen Position in der Gemeinde hat der*die Bürgermeister*in zahlreiche Aufgaben, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Bürgermeister*innen stehen somit ständig in der Öffentlichkeit und ihr Tun und Lassen wird von den Bürger*innen kritisch beäugt und begleitet. Das führt auch dazu, dass Bürger*innen dieses Handeln kritisieren und die Person des*r Bürgermeister*in sogar beleidigen oder verbal oder auch körperlich attackieren. Daher stellt sich die Frage, ob dieser Beruf heute überhaupt noch attraktiv ist.

 

Um dieser Frage nachzugehen, haben zwölf Studierende der Hochschule Kehl unter der Leitung von Prof. Paul Witt eine Umfrage unter Bürgermeister*innen durchgeführt. 64 Bürgermeister*innen aus den Landkreisen Karlsruhe (Nordbaden) und Waldshut (Südbaden) in Baden-Württemberg wurden zu dieser Problematik befragt.

Die wesentlichen Ergebnisse aus der Befragung, die eine Rücklaufquote von 71,9 % aufwies, waren folgende:

An der Umfrage haben 85 % männliche Bürgermeister und 15 % weibliche Bürgermeisterinnen mit einem Durchschnittsalter von 49 Jahren teilgenommen. Der Großteil der Bürgermeister*innen (78 %) ist verheiratet, hat im Schnitt zwei Kinder und leitet eine Gemeinde mit einer Größe von ca. 8.600 Einwohnenden.

Bei einem durchschnittlichen Arbeitspensum von 62 Stunden pro Woche bleibt nicht viel Zeit für außerberufliche Tätigkeiten. Zumindest ist der überwiegende Teil der Befragten der Meinung, in ihren Freizeitaktivitäten durch die Amtsausübung eingeschränkt zu sein und auch gerne mehr Zeit für Hobbies und die Familie haben zu wollen.  Zudem sei auch die Erwartungen der Bürger*innen höher als in anderen Berufen, jedoch nehme ihnen das nicht die Freude am Beruf. Erfreulicherweise werden laut eigenen Angaben die meisten Bürgermeister*innen von deren Familie hinsichtlich ihrer Amtsausübung unterstützt.

Trotz der Freude am Beruf, könnte aber die Möglichkeit bestehen, dass den Bürgermeister*innen durch Beleidigungen in den sozialen Medien die Lust an der Amtsausübung vergeht. Mehr als die Hälfte der befragten Personen haben bereits persönliche Anfeindungen in den sozialen Netzwerken erlebt. Gerade im Zeitalter des Internets fällt es leichter, jemanden öffentlich zu beleidigen. Auch die Anonymität im Internet, hinter der sich die Täter*innen verstecken können, ist ein maßgeblicher Grund für die zunehmende Gewalt gegenüber Bürgermeister*innen. Fakt ist, dass durch die sozialen Netzwerke Bürgermeister*innen heute öfter Opfer von Gewalt und Beleidigungen werden als früher.

Gewalt und Hetze findet jedoch nicht nur über die sozialen Medien statt, sondern auch in den Diensträumen, bei öffentlichen Veranstaltungen, bei privaten Tätigkeiten und sogar vor der eigenen Haustür. Dabei sind fast dreiviertel der Bürgermeister*innen bereits verbal persönlich angegangen worden. Im Gegensatz dazu gab es bei den Befragten glücklicherweise noch keinen körperlichen Übergriff. Auch deren Familienmitglieder leiden unter der verbalen Gewalt und Hetze. Dies bestätigten knapp 24 % der befragten Personen.

Auch wenn verbale Anfeindungen im Bürgermeister*innenamt nicht mehr selten sind, geben 96 % der Befragten an, dass sie trotz der Gewalt, die sie erfahren haben oder eventuell noch erfahren werden, jederzeit wieder für dieses Amt kandidieren würden.

Mögliche Gründe für das Zurückschrecken vor einer Kandidatur zum*r Bürgermeister*in sind laut den Befragten weniger die zunehmenden Erwartungen, sowie die Angriffe und Anfeindungen der Bürger*innen, sondern vielmehr der Verlust an Privatheit und die geringere Zeit für Familie und Hobbies.

Weitere Gründe für einen möglichen Attraktivitätsverlust an der Amtsausübung ergeben sich laut der Befragung aus dem Verlust von Respekt, Achtung, Wertschätzung und Dankbarkeit, einem hohen Zeitaufwand, einem Anstieg von Erwartungen, der zunehmenden Allzuständigkeit und der hohen Verantwortung.

Aufgrund der genannten Aspekte sind fast dreiviertel der befragten Personen der Meinung, dass das Amt an Attraktivität verloren hat. Dies ist eigentlich ein erschreckender Befund und es sollte dringend darüber nachgedacht werden, wie man diesem Berufsbild wieder die Attraktivität zurückgeben kann, die es verdient hat. 

Die Ergebnisse der gesamten Untersuchung werden im Rahmen des Kehler Hochschultags am 5. Mai 2021 um 17 Uhr virtuell vorgestellt. Bei Interesse können Sie sich gerne über die Hochschule hierfür anmelden.

 

Bei konkreten Fragen zu der Untersuchung stehen Ihnen auch Jennifer Koch (Jennifer-Linda.Koch@stud.hs-kehl.de) und Prof. Paul Witt (witt@hs-kehl.de) zur Verfügung.

Zum Bild (Hochschule Kehl):

Die Fachprojektgruppe im digitalen Austausch.

 

 

News

29.04.2021

Kehl. Trotz der vielseitigen Gestaltungsmöglichkeiten und attraktiven Aspekte als Bürgermeister*in, scheint die Zahl der qualifizierten Bewerber*innen...

26.04.2021

Landesweite Studie zu Sozialprofil und Führungsstil

22.04.2021

Kehl. Anfeindungen und Gewalt gegen Bürgermeister_innen sind in Deutschland mittlerweile an der Tagesordnung. Wer sich in der Gesellschaft politisch...