Erfolgreicher Austausch mit 200 Expert*innen aus Forschung und Praxis
Kürzlich haben 200 Fachkräfte aus den Bereichen Jugendhilfe, Frauenberatung, Medizin, Psychologie, Psychiatrie, Täterarbeit, Kinderschutz und Versorgungsforschung an der Fachtagung zum Thema „Häusliche Gewalt“ teilgenommen und sich mit zahlreichen Expert*innen über präventive und intervenierende Maßnahme in familiären Kontexten an der Hochschule Kehl ausgetauscht.
Nach den Grußworten des Hochschulrektors Prof. Dr. Joachim Beck und der Geschäftsführerin der Baden-Württemberg Stiftung Theresia Bauer, ging es im ersten Teil um die multiperspektivische Bestandsaufnahme zur Förderung von Prävention interpersoneller Gewalt. Hier sprach Prof. Dr. Jörg M. Fegert (Klinik für Kinder – und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm) zu den Häufigkeiten, den Folgen und der Prävention häuslicher Gewalt: „Häusliche Gewalt ist ein drängendes gesellschaftliches Problem, das nicht nur die unmittelbaren Opfer betrifft, sondern auch tiefgreifende Auswirkungen auf die gesamte Familie haben kann – insbesondere auf Kinder, die häufig in einem Klima der Gewalt aufwachsen.“ Der Umgang mit den Folgen häuslicher Gewalt erfordere ein tiefgehendes Verständnis für die psychischen, sozialen und rechtlichen Dimensionen, die das Leben der Betroffenen prägten. Fachkräfte stünden dabei vor der Herausforderung, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen und passende Interventionsstrategien zu entwickeln, die den spezifischen Bedürfnissen der betroffenen Familienmitglieder gerecht würden. Anschließend referierte Prof. Dr. Jan Kepert (Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl) zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen für Kinderschutzverfahren. Die Herausforderung bestünde darin, dass das Jugendamt als „Hellseher“, arbeiten müsse, da „die Jugendhilfe ausschließlich eine in die Zukunft gerichtete Gefährdungseinschätzung vornimmt“, so Prof. Dr. Kepert.
Einen Einblick in die Prävention häuslicher Gewalt in Frankreich gab Prof. MD PhD Carmen Schröder von der Universität Straßburg. Unter anderem ging Prof. Schröder auf die historische Entwicklung der Ausbildung von Traumatherapeut*innen ein und stellte das französische Femizid-Protokoll vor, welches landesweite Standards für den Umgang mit Kindern im Anschluss an den Femizid an ihrer Mutter bietet. Ein solches Protokoll liegt für Deutschland derzeit noch nicht vor. Darauf folgte eine Ergebnispräsentation der „Bedarfsanalyse zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und von häuslicher Gewalt“ von Prof. Dr. Barbara Kavemann (Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen SoFFI/SOCLES, Berlin). Erwartungen seitens der Fachkräfte an die Politik seien eine konsequente schützende Intervention und die rechtliche Absicherung von Schutz und Unterstützung.
Die zweite Programmhälfte stand unter dem Thema „Zukunft – Neue Wege der Prävention und Intervention häuslicher Gewalt und das Potential vernetzter Versorgung“. Auch hier gab es länderübergreifende Impulse: Zum einen referierte PD Dr. Marc Schmid (Universitäre Psychiatrische Kliniken und Universität, Basel) zu den Grundprinzipien und der Anwendung des MST-Kinderschutzes. Die MST-CAN-Therapie erreiche in hochbelasteten Familien Erfolge, wo andere ambulante Hilfen nicht ausreichten. Zum anderen stellte Prof. Dr. Isabel Böge (Medizinische Universität, Graz) die aufsuchende Krankenbehandlung im Kontext häuslicher Gewalt vor. Dieser Ansatz verspreche Erfolg, wenn er gekoppelt ist mit einem gezielten Erfragen und Nachgehen häuslicher Gewalt und der Kooperation mit den Jugendämtern. Anschließend stellte Prof. Dr. Ute Ziegenhain (Klinik für Kinder – und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm) das Projekt „Familienorientierte Prävention Häuslicher Gewalt“ vor. Das Projekt ist zweiteilig: Einmal wird eine aufsuchende Frühintervention in Familien, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, an der Institutsambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik & Psychotherapie Ulm erprobt. Des Weiteren werden in Kooperation mit den interdisziplinären Hilfesystemen in Ulm und im Alb-Donaukreis fallübergreifende Kooperations- und Vernetzungsstrukturen modellhaft weiterentwickelt. Dabei sind die Erziehungsberatungsstellen „Knotenpunkte“ im Netzwerk und übernehmen diagnostische Abklärung, Versorgung und ggf. auch die Vermittlung von Kindern und ihren Eltern in weitergehende Hilfen und Leistungen.
Nach den Vorträgen der Referent*innen gab es eine Podiumsdiskussion mit Expert*innen aus den Bereichen Jugendamt, Medizin, Sozialforschung, Frauenunterstützung, Kinderschutz, häusliche Gewalt, Täterarbeit und Erziehungsberatung. Durch die Verzahnung von Praxis und Forschung konnten die Teilnehmer*innen neue Impulse für ihre jeweilige Tätigkeit mitnehmen. Im Anschluss an den Fachtag fand im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens ein interdisziplinärer und internationaler Austausch zwischen der Research Academy des ESCAP-Kongresses in Straßburg und den Referent*innen und Podiumsdiskussionsteilnehmer*innen des Fachtages statt.
Hintergrund
Der Fachtag hat im Rahmen des lernenden Modellprojektes „Familienorientierte Prävention häuslicher Gewalt“ stattgefunden, welches durch die Baden-Württemberg Stiftung in Kooperation mit der Stiftung Präventive Jugendhilfe gefördert wird. Das Projekt läuft von Juni 2024 bis Juni 2026 unter der Leitung von Prof. Dr. Jörg M. Fegert an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm. Die Vorbereitung und Durchführung erfolgten durch den Kompetenzbereich Prävention Psychische Gesundheit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Ulm. Bei Fragen schreiben Sie gerne an: hg.kjp(at)uniklinik-ulm.de.