„Ich muss zugeben, dass ich dieses Land sehr unterschätzt hatte.“
Mit einer feierlichen Abschlussveranstaltung in Amman ist Anfang des Jahres das Twinning-Projekt „Strengthening the Capacity of the Institute of Public Administration in Jordan“ zu einem vorläufigen Ende gekommen. Im Gespräch mit dem Hochschulmagazin KLARTEXT berichtet Prof. Dr. Andreas Pattar von den Zielen des Projekts, seiner Tätigkeit als Resident Twinning Adviser und den bleibenden Eindrücken aus seiner Zeit in Jordanien.
KLARTEXT: Herr Professor Pattar, Sie haben das Projekt „Strengthening the Capacity of the Institute of Public Administration in Jordan“ während seiner Laufzeit intensiv begleitet. Wie kam dieses Projekt ursprünglich zustande?
Pattar: Dafür muss ich ein bisschen ausholen: Das sogenannte EU-Twinning ist eine Programmlinie der Europäischen Union, die ursprünglich im Zuge der EU-Erweiterung entwickelt wurde. Die Idee ist, dass Verwaltungen der EU-Mitgliedstaaten mit Verwaltungen aus den Beitrittsstaaten auf gleicher Ebene zusammenarbeiten, dass Praktiker*innen auf Augenhöhe mit Praktiker*innen zusammenarbeiten, die dieselbe Arbeit machen, nur in einem anderen Land. Das Ziel ist dabei zum einen, dass die beteiligten Verwaltungen der Beitrittsstaaten durch die Zusammenarbeit mit der Verwaltung des Mitgliedstaats den Acquis communautaire übernehmen, also die gemeinsamen Handlungsprinzipien der EU und die Arbeitsweisen in der EU. Zum anderen sollen aber auch Dinge, die beispielsweise in den Beitrittsstaaten besser laufen als in der EU umgekehrt von uns übernommen werden. Vor vielen Jahren schon hat die EU dieses Instrument dann auch auf Staaten außerhalb Europas ausgeweitet, wie eben Jordanien. Jedes EU-Land hat dann einen Nationalen Kontaktpunkt für Twinning, in Deutschland ist das das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
Die Arbeit in dem Projekt muss man sich so vorstellen, dass der Zielstaat, hier also Jordanien, gemeinsam mit der Europäischen Union Ziele definiert, die mit dem Projekt erreicht werden sollen. Bei uns war das unter anderem, dass das bestehende Verfahren zur Bedarfserhebung für Fortbildungen im öffentlichen Dienst überarbeitet wird und dass eine Standard-Verfahrensweise zur Entwicklung von digitalisierten Fortbildungsprogrammen sowie zur Messung ihrer Erfolge entwickelt wird – und dass auch genug Personal da ist, das diese Verfahrensweisen beherrscht und anwendet.
Auf dieser Grundlage hatte dann ein Konsortium aus einem Fortbildungsinstitut für den öffentlichen Dienst aus Finnland, der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl aus Deutschland und der Nationalen Schule für öffentliche Verwaltung aus Kroatien einen Arbeitsplan entwickelt, wie man diese Ziele erreichen kann. Dieser Projektplan war überzeugend, denn unser Konsortium wurde in einem Wettbewerb gegen zwei andere Bieter aus anderen EU-Mitgliedstaaten ausgewählt. Der Arbeitsplan sah Missionen vor, in denen einzelne Arbeitspakete abgearbeitet wurden. In den ersten Missionen ging es beispielsweise darum, überhaupt zu erfahren, wie die jordanischen Kolleg*innen bislang vorgegangen sind und welche Rahmenbedingungen es für digitale Kursangebote gibt. Später wurden dann auf dieser Grundlage jeweils einzelne Elemente der Verfahrensweisen definiert und Personal in deren Anwendung geschult.
KLARTEXT: Sie waren im Projekt der sogenannte Resident Twinning Adviser und als solcher dafür verantwortlich, die Einsätze der Kurzzeitexpert*innen zu koordinieren – was genau umfasste diese Aufgabe?
Pattar: Meine Aufgaben waren vielfältig: Hauptsächlich musste ich dafür sorgen, dass die europäischen Expert*innen, die jeweils für ein bis zwei Wochen nach Jordanien kamen, mit den richtigen jordanischen Kolleg*innen zusammentrafen. Ich musste also immer wissen, welche europäischen Expert*innen kommen würden, was sie genau bearbeiten würden, wer auf der jordanischen Seite dafür am besten geeignet wäre – und dann musste ich ganz praktisch dafür sorgen, dass alle gleichzeitig im gleichen Raum sind. Dazu kam, dass ich den Kontakt zum jordanischen IPA, zu den maßgeblichen Ministerien, der EU-Delegation und den Botschaften der Mitgliedstaaten sowie zu anderen internationalen Geldgebern halten musste. Es ist nämlich so, dass dieses Projekt beileibe nicht das einzige international finanzierte Projekt zur Weiterentwicklung der jordanischen Verwaltung ist. Hier ist eine gute Koordination wichtig, damit sich die Geberorganisationen nicht gegenseitig behindern oder blinde Flecken verbleiben. Nicht unterschätzen darf man auch die Dokumentations- und Berichtspflichten, die ich in dem Projekt hatte.
KLARTEXT: Wie sah die Beteiligung der Hochschule Kehl neben Ihrer Tätigkeit aus, welche spezifische Expertise konnten die Beteiligten in das Projekt einbringen?
Pattar: Wie das bei Twinnings üblich ist, tun sich Behörden aus der EU mit gleichartigen Behörden von außerhalb der EU zusammen. In Jordanien gibt es bislang, anders als in Deutschland, keine grundständige Ausbildung für den öffentlichen Dienst, vielmehr sichert das IPA die Fortbildung der Personen, die in den öffentlichen Dienst gehen. Es ist also eine Fortbildungseinrichtung für den öffentlichen Dienst. Trotzdem sind die Aufgaben und Herausforderungen von IPA mit denen der Hochschule Kehl vergleichbar. Daher konnten die beteiligten Kurzzeitexperten – leider war aus Deutschland keine Frau dabei – auf die Erfahrungen aus der Arbeit an der Hochschule und auf ihre praxisnahe Lehrerfahrung zurückgreifen.
Von der Hochschule Kehl haben außer mir insgesamt sieben Personen als Kurzzeitexperten mitgewirkt, darunter drei Profs (Prof. Dr. Ewald Eisenberg, Prof. Dr. Gert Fieguth, Prof. Dr. Uwe Busbach), zwei Lehrbeauftragte (Dr. Clemens Schweizer und Dr. Osman Bayraktar) und zwei Mitarbeiter (Hannes Stockinger geb. Köninger und Youssef Derouiche).
Hannes Stockinger und Youssef Derouiche konnten zum Beispiel ihre Erfahrungen aus ihrer Arbeit mit der elektronischen Lernplattform moodle einbringen, die sowohl an der Hochschule Kehl selbst als auch in vielen unserer Kooperationsprojekte genutzt wird. Dr. Clemens Schweizer konnte, nicht zuletzt dank seiner Doktorarbeit über die Entwicklung von Aus- und Fortbildungsprogrammen für den öffentlichen Dienst, bei der standardisierten Entwicklung von Fortbildungen aus dem Vollen schöpfen. Dr. Osman Bayraktar brachte bei der Evaluation von Fortbildungen seine Expertise ein. Prof. Dr. Uwe Busbach trug zu einer Erhebung der technischen Voraussetzungen für die von IPA gewünschten Angebote bei, während Prof. Dr. Gert Fieguth Organisations- und Governance-Expertise einbrachte. Als Allrounder konnte Prof. Dr. Ewald Eisenberg in allen diesen Bereichen Beiträge leisten und zudem Zukunftsvisionen für mögliche Weiterentwicklungsschritte des IPA entwickeln.
Für die Hochschule Kehl, die gerade dabei ist, ihr Fortbildungsportfolio weiter auszubauen, kam die Beteiligung an diesem Projekt zu einem guten Zeitpunkt. Dass Erfahrungen aus diesem Projekt, aus dem Austausch mit Jordanien, aber auch mit Kroatien und Finnland, in die Gestaltung der Fortbildungen in Kehl einfließen können, führte auch dazu, dass Prorektor Prof. Dr. Hansjörg Drewello bei der Abschlussveranstaltung anwesend war. Er unterstrich so die Bedeutung des Projekts für die Hochschule.
KLARTEXT: Das Projekt hat auch drei Studierenden unseres Masterstudiengangs „Europäisches Verwaltungsmanagement“ (MEPA) ermöglicht, Auslandspraktika in Jordanien zu absolvieren und direkt vor Ort im Projekt mitzuwirken. Unter ihnen war auch Maximilian Hafner, der uns letztes Jahr schon von seinen Eindrücken und zum Teil augenöffnenden Erfahrungen berichtet hat (KLARTEXT 01-2025, Seite 20). Sie selbst haben von März 2024 bis Februar 2026, also zwei Jahre lang, in Amman gelebt – was sind für Sie die bleibenden Eindrücke aus dieser Zeit?
Pattar: Zunächst einmal muss ich sagen, dass die Beteiligung der Praktikanten aus dem MEPA-Studiengang für mich eine große Hilfe war und für die Praktikanten, denke ich, eine große Lernerfahrung. Live zu sehen, wie ein Instrument der Europäischen Union zur Stabilisierung ihrer Nachbarschaft funktioniert, welchen Aufwand es bedeutet, aber auch welche Erfolge erzielt werden können, vervollständigt sicherlich das Bild von der EU in der Welt. Und die drei Praktikanten waren wirklich hervorragende Beispiele für die Qualität der Ausbildung an unserer Hochschule, sie konnten praktisch vom ersten Tag an aktiv im Projekt mitarbeiten und haben nicht nur mich, sondern auch die europäischen Kurzzeitexpert*innen und das jordanische Institut großartig mit Hintergrundrecherchen unterstützt.
Für mich selbst war das Leben in Jordanien ebenfalls sehr beeindruckend. Ich bin ja in meiner Jugend zum Teil in Ägypten aufgewachsen, habe Islamwissenschaft studiert und spreche (inzwischen recht ordentlich) arabisch, war aber noch nie in Jordanien gewesen. Ich muss zugeben, dass ich dieses Land sehr unterschätzt hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das recht kleine Land Jordanien auf so engem Raum einen so großen Reichtum an geschichtlichen Kulturdenkmälern aufweisen würde: Natürlich hat jede*r schon von Petra gehört, der alten nabatäischen Stadt mit den Felsengräbern, aber dass es schon prähistorische Statuen gibt, mehr als 10.000 Jahre alt, und auch viele römische und griechische Hinterlassenschaften, Zeugnisse der frühislamischen arabischen Herrschaft, Kreuzritter- und Verteidigerburgen und Spuren der osmanischen und der späteren britischen Mandatszeit gibt, das war mir vorher nicht so klar. Auch, wer sich religiös interessiert, kommt auf die Kosten: Der Berg Nebo, von dem aus Moses das gelobte Land gesehen haben soll, Bethanien, wo Jesus getauft worden sein soll, die Höhle, in der der Prophet Lot gelebt haben soll, nachdem Gott seine Heimatstadt Sodom zerstört haben soll, das Grab, in dem Aaron, der Bruder von Moses, beerdigt sein soll, und die Quelle, die die Moses durch den Schlag auf den Felsen gefunden haben soll, sind alle in Jordanien zu finden. Zu diesen Stätten, die für christliche, muslimische und zum Teil auch jüdische Menschen wichtig sind, kommen dann noch weitere Orte, an denen bestimmte Geschichten der islamischen Überlieferung stattgefunden haben sollen.
Zu diesen kulturell beeindruckenden Dingen kommt eine vielfältige Landschaft: Natürlich ist ein Großteil des Landes Wüste, das heißt aber nicht, dass nicht im Frühjahr vor allem der Norden über und über von Grün bedeckt ist. Amman liegt ungefähr 1000 Meter über dem Meeresspiegel – und am Ufer des Toten Meeres, nur 45 Minuten entfernt, findet man den tiefsten Ort der Erde, der nicht von Wasser bedeckt ist, mehr als 450 m unter dem Meeresspiegel. In Wadis, also Tälern, kann man in Wildwasserbächen und unter Wasserfällen wandern und das einzigartige Ökosystem bewundern, das sich unmittelbar neben der lebensfeindlichen Wüste erhält, und im Roten Meer, an der Grenze zu Saudi-Arabien, findet man eine lebendige Unterwasserwelt vor, mit reichen Korallenriffen und bunten Fischen. Das Wadi Rum, eine Felsen- und Sandwüste mit rotem Sand, war Drehort zahlreicher Filme, zuletzt von „Dune“. Als ich neulich „Der Marsianer“ noch einmal anschaute, war das ein ganz unwirkliches Gefühl, dort gewesen zu sein.
Das Beste am Land sind aber die jordanischen Menschen. Sie sind in ihrer übergroßen Mehrheit extrem höfliche, gastfreundliche Menschen. Ich habe mich noch in keinem Land so sicher gefühlt wie in Jordanien, und eine Kollegin, die ebenfalls alleine in Jordanien lebte, erzählte mir dasselbe. Ich habe Geschäfte gesehen, die über Nacht ihre Auslage auf der Straße ließen – und wo nichts gestohlen oder zerstört wurde. Ebenfalls unterschätzt hatte ich auch die jordanische Küche, die wirklich sehr gut ist – zum Leidwesen meiner Garderobe, die mir jetzt ein bisschen eng ist.
Ich habe in Jordanien nur positive Erfahrungen gemacht. Umso trauriger stimmt es mich, dass das Land durch den Krieg zwischen Israel, den USA und Iran immer wieder in Mitleidenschaft gezogen wird. Der Tourismus ist nahezu vollständig zum Erliegen gekommen – für ein Land, das so viel zu bieten hat und in dem sich entsprechend viele Menschen auf den Tourismus eingestellt haben, ist das eine Katastrophe. Gerade zu Anfang meiner Zeit, als der Gaza-Krieg noch heftiger wütete als heute, war aber zu erkennen, wie friedliebend die Menschen in Jordanien sind: Obwohl mehr als die Hälfte der Bevölkerung palästinensische Wurzeln hat und man sehr mit den Menschen in Gaza gelitten hat, habe ich immer wieder erfahren, auf wie viel Zustimmung bei der großen Mehrheit trotzdem die Politik stößt, sich nicht mit Gewalt in den Konflikt einzumischen. Überhaupt sind in Jordanien im Vergleich zur Region große Fortschritte im demokratischen Prozess zu verzeichnen. Und auch im Bereich der Verwaltung braucht Jordanien sich nicht zu verstecken: Ein Großteil der Dienstleistungen der Verwaltung wird bereits digital erbracht.
KLARTEXT: Das Projekt wurde nun Anfang des Jahres erfolgreich abgeschlossen – doch wie bei der Abschlussfeier mehrfach betont wurde, markiert dies keineswegs das Ende der Zusammenarbeit mit Jordanien. Was ist seit dem Projektabschluss passiert, und welche Pläne gibt es für die Zukunft?
Pattar: Zunächst einmal ist in Jordanien trotz des Krieges die Zeit nicht stehen geblieben. IPA hat sich inzwischen in die Jordanische Akademie für Regierungsverwaltung weiterentwickelt. Sie wird künftig Aufgaben einer Führungsakademie wahrnehmen und die Fortbildungen für den gesamten öffentlichen Dienst koordinieren.
Bereits während des Projekts haben das IPA und die Hochschule Kehl, das IPA und die kroatische NSPA sowie die kroatische NSPA und die Hochschule Kehl jeweils Partnerschaftsvereinbarungen miteinander abgeschlossen. Wie es Prorektor Prof. Dr. Drewello bei der Abschlussveranstaltung erklärt hat, wollen die drei Institutionen auch künftig im Dreieck zusammenarbeiten. Parallel soll eine Partnerschaftsvereinbarung mit der Deutsch-Jordanischen Universität abgeschlossen werden, die es den Studierenden unserer Bachelorstudiengänge ermöglichen würde, in der Verwaltung der dortigen Universität ein Praktikum zu machen – und Studierenden der DJU in Kehl ein Auslandssemester zu absolvieren.
Basierend auf dieser Zusammenarbeit soll alsbald dann ein ERASMUS-Capacity-Building-Antrag gestellt werden, um die Kooperation zu verstetigen.
Interesse geweckt? Hier geht es zu einem Video zum Projekt: https://hs-kehl.coovi.cloud/default/de/topics/3502f6dc36/embed/eyJ0b2tlbiI6IjM1MDJmNmRjMzYiLCJyZWNvbW1lbmRhdGlvbnMiOmZhbHNlLCJpbmZvIjp0cnVlfQ==